Zum fünfzigsten Jubiläum des Jüdischen Museums der Schweiz


Gründung
Das Jüdische Museum der Schweiz wurde 1966 als erstes jüdisches Museum im deutschsprachigen Gebiet nach dem Krieg gegründet. Gründungsdirektorin war Katia Guth-Dreyfus, die das Museum über vier Jahrzehnte leitete. Während dieser Zeit entstand eine herausragende Sammlung, deren Schwerpunkte Zeremonialobjekte aus Silber, Textilien aus dem 17. bis 20. Jahrhundert und Dokumente zur Kulturgeschichte der Juden in der Schweiz bildeten.

Jubiläum
Zum fünfzigsten Jubiläum des Jüdischen Museums der Schweiz im Jahr 2016 erhielten wir von der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft eine Zusprache von 100’000 CHF, um das Museum, dessen Einrichtung seit 1966 kaum verändert worden war, zu erneuern. Als Kuratoren haben wir die Gelegenheit genutzt, um Fragen über die Rolle eines Jüdischen Museums in der Gegenwart zu stellen: Was ist das Judentum im Jahr 2016? Und warum ist es heute noch relevant?

Wir haben darauf vier Antworten gefunden, die wir jeweils in einem der vier Räume des Museums präsentieren:

Erstens: Als eine der ersten monotheistischen Religionen ist das Judentum eine Religion des Buches. Die Schriftrolle ersetzte den heidnischen Götzendienst und wird von Juden gefeiert. Dass die Schriftkultur die Religion prägt, sieht man daran, dass Juden noch heute in schriftbasierten Berufen überrepräsentiert sind: als Dichter und Dramaturgen, Juristen und Journalisten.

Zweitens: Das Judentum ist ein Metronom des Lebens. Es strukturiert unsere Zeit. Es markiert die Woche mit dem Ruhetag Schabbat, das Jahr mit einem Festtagszyklus, und es setzt Meilensteine im Leben durch Rituale zur Geburt, zur Reife, zur Ehe und zum Tod.

Drittens: Das Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Erfahrungsgemeinschaft. Wir zeigen die Kulturgeschichte der Juden in der Schweiz von den ersten Zeugnissen – einem spätantiken Ring mit der Prägung einer Menora aus Grabungen in Kaiseraugst – bis zur Gegenwart.

Viertens: Neuerdings ist das Judentum auch Ausdruck des individuellen Lebensentwurfes. Es gibt vermehrt Wahlmöglichkeiten. Juden und Jüdinnen können orthodox, konservativ oder liberal sein. Man kann sein Judentum traditionell pflegen oder es provokativ ironisieren. Wir zeigen die Religion, wie sie unterschiedlich im Alltag gelebt wird.

Zukunft
Und wie soll es weitergehen? Die nahe Zukunft beinhaltet eine Kooperation mit dem Basler Kunstmuseum. Während dessen neuer Leiter, Josef Helfenstein, im Herbst 2017 Chagalls Avantgardismus zum Thema macht, zeigt das Museum in der Kornhausgasse, wie Chagall – der erste jüdische Künstler von Weltrang – mit seinen Rabbinern und Musikanten dem Judentum einen volkstümlichen «Look» verlieh, dessen Bildsprache bis heute das Judentum prägt. Da das Museum künftig auch ausserhalb der Kornhausgasse aktiv sein möchte, ist eine Ausstellung im öffentlichen Raum angedacht. Denkbar wäre ein inszenierter Zug, der durch die Schweiz reist. Für eine solche «Wanderausstellung» eignen sich Themen, die ein breites Publikum ansprechen. «Helden wie wir» würde beispielsweise von alttestamentarischen Vornamen und ihren literarischen Vorbilder erzählen: Noah und David, Lea und Hanna.

Unser wichtigstes Ziel für die kommenden Jahre ist es, die Räumlichkeiten des Museums zu verbessern. Auf den vorhandenen 150 Quadratmetern zeigen wir 300 Objekte – das ist rund ein Sechstel der Sammlung. Viele Besonderheiten, zum Beispiel die Inneneinrichtung des ehemaligen jüdischen Betsaals in Solothurn (1893), haben leider keinen Platz; auch die umfangreiche Sammlung zu Theodor Herzl und zum Zionismus ist nur auszugsweise ausgestellt. Das Museum sucht 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche – und ist dankbar für jeden Hinweis, der zu diesem Ziel führen kann.

Dr. Naomi Lubrich