lifeMeine drei-semestrige Vorlesung «Genesis der Life Sciences» setzt im 17. Jahrhundert ein. Warum? Erst seit rund sechzig Jahren fasst man Biologie, Biomedizin, Biochemie und andere Bio-Disziplinen unter dem Rubrum Life Sciences zusammen. Die Antwort liegt in der Weitläufigkeit des Wissensgebietes vom Lebendigen. Nach landläufigem Verständnis beschäftigen sich Biowissenschaftler mit Prozessen oder Strukturen von Organismen. Dies interessierte auch Aristoteles. Naturphilosophen, Mediziner oder Alchemisten vergangener Zeiten sprachen von physiologia, wenn sie die Natur eines gesunden Lebewesens (in Abgrenzung zum kranken) beschreiben wollten.

Den Studierenden einen Eindruck von der Wandel- und Formbarkeit von Wissen und Wissenschaft zu geben, dies ist die Aufgabe der Wissenschaftsgeschichte. Sie untersucht die Entstehung und Entwicklung systematischen Wissens. Sie fragt, wie Akteure verschiedener Epochen wissenschaftliche Ergebnisse bewerten und von technischem Knowhow oder naturphilosophischer Spekulation unterscheiden. Oder wie einzelne Disziplinen sich ausdifferenzieren und dabei immer wieder zum Konsensus finden. Beispielsweise: Wann und warum hat sich die klassische Embryologie in Genetik und Entwicklungsbiologie gespalten und später in der Fortpflanzungsmedizin eine neue Form der Zusammenarbeit initiiert? Dass sich die konkrete Forschungspraxis auf Theoriebildung und Arbeitsteilung auswirkt, wird heute ebenso vorausgesetzt wie die Tatsache, dass Wissen und Kultur interagieren.

Aktuell behandle ich in einem Seminar die Frage, wie im Zuge der europäischen Expansion «fremdes Wissen» integriert und transformiert wurde. In meiner Forschung beschäftigen mich die «Lebensrohstoffe », mit denen die Life Sciences arbeiten. Die Wissensgeschichte der Lebenssäfte Milch und Blut ist faszinierend, weil man hier gut untersuchen kann, wie sich in der ständigen Um- und Neudefinition von Wissen sinnliche Stoffwahrnehmung und technisch-instrumentelle Praxis gegenseitig beeinflusst und den Umgang mit natürlichen Ressourcen verändert haben. Über Jahrhunderte hinweg galten diese Säfte als einzige von der Natur geschaffene «Nahrungen». Alle anderen mineralischen, pflanzlichen wie tierischen Stoffe mussten im Verdauungsprozess erst zu Blut und Milch umgewandelt werden, um über diese Zwischenstufe als Nährmaterial dem Körper zu dienen. Seitdem moderne Nachweis- und Aufzeichnungsmethoden laufend neue Stoffkategorien postulieren, mittels derer man Blutkonzentrationen misst oder Nährstoffzusammensetzungen beurteilt, ist von dem vormodernen Paradigma eines liquiden, in Zyklen funktionierenden Körpers nur wenig übrig geblieben.

Die Geschichte der Life Sciences an der Universität Basel ist ein interdisziplinäres Unternehmen. Nach der Anschubfinanzierung durch die FAG wird die Vorlesung von der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Fakultät finanziert, während das Departement Geschichte die Lehre verwaltet – hier sind auch die ersten BA- und MA-Arbeiten angesiedelt, eine Dissertation konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Veranstaltungen wurden mit der anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums (Gerhard Hotz), der Professur für Life-Sciences-Recht (Herbert Zech) und der Professur für Literaturwissenschaft (Dominique Brancher) durchgeführt. Mit dem Philosophischen Seminar (Markus Wild und Brigitte Hilmer) ist ein Editionsprojekt zum Schweizer Arzt und Philosophen Ignaz Paul Vitalis Troxler auf den Weg gebracht worden. Bleibt nur noch zu wünschen, dass die begonnene Arbeit fortgesetzt werden kann.

PD Dr. Barbara Orland

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