archi1Vor der turmhohen Fassade des römischen Theaters in Milet darf gestaunt werden: Allerorten fehlt dem Mauerwerk der letzte Schliff, an den Blockkanten sind noch Brauen zum Schutz vor Bestossung stehengeblieben, da und dort treten Hebebossen wie Warzen aus der rau belassenen Steinhaut hervor, selbst das Schmuckprofil am Wandfuss ist in seiner Rohform stecken geblieben. All dies zeigt, dass die sonst übliche abschliessende Überarbeitung nach dem Versatz der Steine unterblieb. Die Blöcke sind in ihrer Bossenform verblieben. Aber sind sie unfertig? Haben da die Milesier einen so gewaltigen Bau errichtet, um am Ende gerade seine Schauseite unvollendet zu lassen? Fehlte es an Geld? An Kontrolle?

Die Forschung steht solchen Erscheinungen bis heute weitgehend ratlos gegenüber. Denn allzu lange räumte die humanistisch geprägte Archäologie der klassischen Antike eine Vorbildstellung ein und war gerne bereit, derartige Zustände zugunsten eines geschönten ‹perfekten› Idealzustands zu übersehen. In Erklärungsnotstand geraten, wurden Abweichungen von dieser Vision allzu rasch als Missgeschicke definiert: Für das Theater in Milet gingen Forscher wie bei vielen anderen Bauten einst vom Stillstand der Arbeiten aufgrund des überraschenden Tods eines mutmasslichen Auftraggebers aus. In meinem unter anderem von der FAG untertstützten Habilitationsprojekt gehe ich den Gründen für Unfertigkeiten in hellenistischer und römischer Architekturmöglichst unvoreingenommen nach. Damit eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf Gestaltungsprinzipien und -möglichkeiten antiker Architektur. Rohbauformen entstanden mitnichten immer ‹aus Versehen›, sondern boten den Architekten, um nur eines von mehreren Einsatzgebieten des Bossenstils anzusprechen, beispielsweise die Möglichkeit, das Thema eines Bauwerks gemäss den gängigen Konventionen auf den ersten Blick zu definieren.

So waren Bossenformen für Stadtmauern, Fundamente und Stützmauern aus leicht nachvollziehbaren Gründen gängig: Bei Stadtmauern wäre der Aufwand, die Steine zu glätten, aufgrund des Umfangs solcher Bauwerke mit erheblichen Mehrkosten verbunden gewesen, ausserdem boten unregelmässig vorspringende Ansichtsflächen der Mauer zusätzlichen Schutz vor Geschossen oder gegen Rammböcke. Für Fundamente oder Stützmauern waren ebenfalls Bossenformen konventionell geworden, weil man den Mehraufwand für solche anspruchslosen aber oft sehr langen Mauerfluchten scheute. Diese pragmatische Konvention galt dabei nicht nur für die Stützmauern von Hangterrassen sondern auch für die Unterbauten von Strassen oder Wasserleitungen. Hier findet also das Bossenmauerwerk zahlloser römischer Brücken und Aquädukte seine Begründung. Auch beim eingangs genannten Theater von Milet verweisen die Bossenformen an der Fassade wie bei zahllosen weiteren antiken Theaterbauten auf das, was die Mauer ist: die Stützmauer für die Zuschauerränge. Ebenso findet das Bossenmauerwerk von so berühmten Bauwerken wie der Porta Maggiore in Rom, über deren äusserst prominent in Szene gesetzten Rohbauformen sich die Forscher schon lange die Köpfe zerbrechen, auf diese Weise eine ebenso banale wie einleuchtende Erklärung: Das Bauwerk führte einst zwei Aquäduktstränge über eine wichtige Ausfallstrassev or den Toren der Stadt, war also ebenfalls ein Unterbau einer Wasserleitung – wenn auch ein besonders reich, mit einer korinthischen Blendordnung geschmückter.

Durch das Erschliessen solcher und anderer Prinzipien der antiken Architektur im Umgang mit Bossenformen kann nicht nur die Erscheinungsform zahlreicher Bauwerke neu verstanden und gewürdigt werden. Es wird auch deutlich, wie differenziert antike Architekten im Hellenismus und in der römischen Kaiserzeit ihre Bauwerke unter Anwendung eines bestimmten Regelkanons gestalteten. Von diesem Regelwerk gilt es in der Arbeit ein bislang un bekanntes Kapitel wiederzuentdecken.

Dr. Matthias Grawehr

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