welt1Weltwahrnehmung.Welch eine Vieldeutigkeit schwingt in diesem einen Wort. Wie kaum ein zweites in der deutschen Sprache vermag es sämtliche Ausrichtungen des menschlichen Ingeniums zu umreissen. Jede Meinung, jede Ahnung und Erinnerung, gar jede emotionale Regung ist Weltwahrnehmung, vorausgesetzt man bezieht die Begrifflichkeit Welt auf alles Äussere, das den Menschen umgibt und auf ihn wirkt – so auch die Begegnung mit sich selbst –, und bezeichnet Wahrnehmung als Informationsfluss aller Sinne. Menschliches Handeln wäre somit als Ausdruck der Weltwahrnehmung zu verstehen, als subjektiv gesetzte Folgerung und Konsequenz. Aus der täglich zu beobachtenden Subjektivität des Tuns – selbst innerhalb kollektiv organisierten Agierens – lässt sich wiederum auf die Einzigartigkeit der jeweiligen Wahrnehmungen schliessen. Davon ausgehend, dass sämtliche ahrnehmungsperspektiven auf ‹Welt› letztlich immer subjektiven Implikationen der jeweiligen Betrachtungsweise unterliegen,wird hier nicht von letztgültigenAussagemöglichkeiten ausgegangen, vielmehr soll diese Arbeitals geisteswissenschaftlicher Beitragzum Interesse an Hirn- und Bewusstseinsprozessen angesehen werden.

Sämtliche Ausführungen der Geistes- sowie der Naturwissenschaften bleiben stets Beschreibungen und Berechnungen von Bewusstsein und Kosmos, die innerhalb ihres Blickwinkels interessante Darstellungskonstrukte der Perzeption bieten, zerrinnen aber gleichzeitig ohne den spezifisch gesetzten Bezugsrahmen der Ausrichtung und Dynamik des menschlichen Geistes in der Unendlichkeit. Wir bewerten und berechnen keine bestehende ‹Realität›, vielmehr schaffen wir diese uns selbst mit Projektionen und Inventionen. So sind auch die Philosophie und die Geschichtswissenschaft standortgebunden, und obwohl ihre Aussagen auf kritischer Reflexion und logischer, nachvollziehbarer Argumentation beruhen, können sie dem Anspruch der Objektivität nicht gerecht werden. Die Sache scheint verflixt zu sein! Sobald man versucht, eine vermeintliche Wirklichkeit mit der eigenen Sprache in ein Konstrukt zu drängen, wird einem immer wieder die eigene Unzulänglichkeit demonstriert. Die Proklamation der subjektiven Wahrnehmung wird also zum persönlichen Eingeständnis, dass nicht nur ‹Realität› per se unzugänglich ist, sondern dass auch immer andere Bilder und Denkmodelle ausserhalb der eigenen Weltwahrnehmung existieren.

Drehen wir den Spiess doch einfach um: Solange wir die Subjektivität unserer Aussagen mit all ihren Konsequenzen akzeptieren, also die relative Aussagekraft der eigenen Worte hinnehmen und damit eine problematische Selbstidealisierung vermeiden, beginnt alles plötzlich Sinn zu machen. Spätestens seit Wilhelm Dilthey soll ja der Nutzen der Geisteswissenschaft nicht mehr primär in der Erkennung und Beschreibung einer ‹Wirklichkeit›, sondern vielmehr in der Bewältigung gesellschaftlicher Krisen liegen. Deswegen ist es kaum sinnvoll, zu fragen, was denn die ‹Welt› sei oder was sie im Innersten zusammenhalte, vielmehr interessiert in meiner Dissertation, wie sie von einzelnen Protagonisten wahrgenommen wird und welche Handlungsmuster von diesen Menschen auf Grund dessen in Bewegung gesetzt werden. Konkret steht in einem ersten Schritt eine diskursive Annäherung an die Weltwahrnehmungen von mehreren Personen aus verschiedenen Zeiten und Kulturräumen im Zentrum, die jeweils aus einer ihrer überlieferten Schriften eruiert werden.


      Es handelt sich um:
  • Georg Forsters (1754 bis 1794) Reise um die Welt (1778/80). Der deutsche Naturforscher, Reiseschriftsteller und Revolutionär erlebt und initiiert selbst die Umbruchszeit der europäischen Aufklärung und begegnet – sich selbst eben ‹aufgeklärt› empfindend – während seiner Weltreise mit dem englischen Kapitän James Cook in der Südsee statt der erhofften terra incognita vielmehr Menschenaus einer anderen Welt.
  • Von Raymond J. DeMallie herausgearbeitete Interviewnotizen von John G. Neihardt, der in den Jahren 1931 und 1944 mit dem Lakota Sioux Black Elk (ca. 1863 bis 1950) Gespräche geführt hat: The Sixth Grandfather. Im Zentrum des Interesses ist die Weltwahrnehmung des Indigenen, der zwar seine Geschichten in einem bereits missionierten und somit christlich-aufgeklärten Umfeld von sich gibt, dennoch berichtet uns diese Quelle wie keine andere Überlieferung von einem vormodernen Nordamerika mit seinen Werten und Ritualen.
  • Der US-amerikanische Ethnologe Clifford Geertz (1926 bis 2006) schreibt nach dem ‹sanften› Zusammenfall der Sowjetunion in einem poststrukturalistischen, globalisierten Umfeld von einer Welt in Stücken. Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhunderts (1996).

welt2All diese Lebenswelten werden einzeln einerseits in ihrer eigenen historischen Wirklichkeit und Wissenschaftlichkeit betrachtet und dabei sollen andererseits ihre jeweiligen Raum-, Zeit-, Selbst- und Fremdwahrnehmungen erkennbar werden, um damit ihre spezifischen Blickwinkel auf ‹Welt› zu klassifizieren. Die Resultate dieser Beobachtungen erlauben in einem zweiten Schritt eine Gegenüberstellung dieser vier Wahrnehmungskategorien aller Texte. Diese soll der Geschichtswissenschaft als Modell dienen, wie verschiedenste Kulturformen mit all ihren Ähnlichkeiten und Differenzen anhand ihrer Weltwahrnehmung gegenseitig gespiegelt und somit auch nähergebracht werden können. Gerade weil sich die Perspektive auf ‹Welt› von Black Elk im Gegensatz zu den übrigen Texten aus dem europäisch - westlichen Kulturkreis in Bezug auf Andersartigkeit derart abgrenzt, fokussiert sich das Interesse der Analyse vor allem auf die kulturelle Bruchlinie zwischen Hochkulturen und Jäger- und Sammlerkulturen; dies nicht zuletzt mit der zentralen Frage, welche Perzeption von ‹Welt›, ja welche Varianten des Lebens wir in der westlichen Zivilisation im «kulturellen Gedächtnis» (Jan Assmann) im Vergleich zur indigenen Interpretation von ‹Welt› vergessen oder womöglich gar nie gekannt haben. Ausserdem werden das ‹indigene Phänomen› aus europäischer und später dann US-amerikanischer Sicht vom 16. bis 21. Jahrhundert und somit die daraus resultierenden Projektions- und Reaktionsmuster ausführlich herausgearbeitet. Dies auch deswegen, um auf die bis in die heutigen Tage andauernde gewalttätige Unterdrückung der nordamerikanischen Ureinwohner durch die westliche Lebensform und Gestaltung von ‹Welt› hinzuweisen.

Im Folgenden soll die kulturelle Disparitätzwischen dem Weltverständnis der Lakota Sioux Kultur des 19. Jahrhunderts und jenem der westlichen Welt anhand eines Beispiels veranschaulicht werden: Für Black Elk ist das Sezieren der Welt in Einzelteile und somit die Sinnsuche in diesen unendlichen Möglichkeiten von Existenzformen nicht von Interesse, vielmehr geht es ihm darum, das Ganze bestehen zu lassen und sein persönliches Agieren zu dessen Wohle einzusetzen. Um dieser universellen Verbindung willen spricht er von der Allegorie des Kreises, der eben alle «Zwei- und Vierbeiner» sowie alle anderen Kreaturen und Dinge der Erde miteinander zusammenbringt, ohne zugleich das Einzelne oder  den Einzelnen in hierarchische Existenzwertschemata einzufügen.

Uns heutigen Angehörigen einer globalisierten Welt, die den gesamtgesellschaftlichen Nutzen des Lebens meist im technischen Fortschritt und im reibungslosen Ablauf vom Prozess des Produzierens und Verkaufens von Gütern  – also im Wohlstand – erkennen, fällt es sicherlich schwer, davon auszugehen, dass irgendwelche Kreise einen Beitrag an die moderne Gesellschaft einflechten könnten. Vielmehr wirken das Geheimnis der menschlichen Existenz und sämtliche Naturerscheinungen nicht länger geheimnisvoll und mystisch verklärt. Denn zumindest im okzidentalischen Kulturkreis sind inzwischen der Wille und die Erfahrung kollektiv verinnerlicht, dass alle uns erscheinenden Aspekte der Welt letztendlich rational logisch – also innerhalb eines zusammenhängenden Systems auf Ursache und Wirkung basierend – erklärbar sind. Das bisher Unverstandene in der Natur und beim Menschen wird als Faszinosum anerkannt, das zwar noch nicht begriffen ist, aber irgendwann sicher werden wird. Bis dahin gilt es im Alltag als inexistent oder gar pathologisch.

Für Black Elk liegt auf dem genannten Kreis eine horizontale Black Road, auf der wir Menschen die Beschwerden des irdischen Leids durchleben. Diese kreuzt eine vertikale Red Road, die als Verbindungsmöglichkeit mit Wakan Tanka (‹Grosses Geheimnis›) verstanden wird und den Weg eröffnet, diesem intuitiv näher zu kommen und damit Aufbau und Sinnhaftigkeit von ‹Welt› in Form von Träumen und Visionen kontemplativ zu erfahren. Mit anderen Worten gibt es in jedem Moment die Möglichkeit einer Erhebung, die auch anzustreben ist. An der Schnittstelle der beiden Strassen befindet sich der sogenannte Sacred Tree, der traditionell in der Mitte des Kreises anzusiedeln ist. Diese indigene Wahrnehmung von ‹Welt› liegt fernab jeglicher Erkenntnis, die verstandesmässig nachzuvollziehen ist und gleichsam wie ein Gral seit spätestens dem 18. Jahrhundert innerhalb der westlichen Welt und darüber hinaus ihre unanfechtbare Wirkung entfaltet. Der aufgeklärte Mensch hat vormoderne Ängste ja gerade mithilfe der Ratio ablegen können, ohne Zweifel ein hochzuschätzender Meilenstein der Würde anderen und sich selbst gegenüber! Doch gleichzeitig hat er sich dadurch völlig unbemerkt eine andere Angst zugelegt, nämlich jene, bei seiner Entdeckung der Welt die kantianische Vernunft verlieren zu können und dabei ungewollt auf Wahrnehmungsmöglichkeiten seiner selbst zu stossen, die seinen Verstand vorübergehend nicht benötigen.

Die Bedeutung dieser Dissertation ist in drei Punkten zu sehen. Erstens möchte der Verfasser ein theoretisches Konzept über Wahrnehmung von ‹Welt› erstellen, das der Geschichtswissenschaft, aber auch der Realpolitik erlaubt, Textsorten und mündliche Aussagen aller Art aus verschiedensten Kulturen und Zeiten – sowie eben auch politische Positionen – einzeln zu kategorisieren, um sie somit einander gegenüberstellen zu können und letztlich neben Differenzen auch immer wieder Gemeinsamkeiten  zu finden. Zweitens soll in dieser Arbeit dieses genannte Konzept an vier historischen Quellen zur Anwendung gebracht werden, um einerseits konkrete Ergebnisse zu liefern und andererseits einen neuen wissenschaftlichen Blick auf diese Überlieferungen zu werfen. Drittens werden Begrifflichkeiten wie Wahrnehmung, Welt, Raumund Zeit sowie das Eigene und das Fremde vom Autor reflektiert und zur Darstellung gebracht.

Christoph M. Neidhart

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